Ärzt­li­che Sorg­falts­pflicht­ver­let­zun­gen im Bereich der Schwan­ger­schafts­be­treu­ung sowie Geburts­hil­fe kön­nen dra­ma­ti­sche gesund­heit­li­che Fol­gen für Mut­ter und Kind haben. Nicht sel­ten füh­ren ärzt­li­che Feh­ler in die­sem Bereich zu schwerst­ge­schä­dig­ten Kin­dern. Aus die­sem Grun­de ist das früh­zei­ti­ge Erken­nen von Risi­ken von erheb­li­cher Bedeu­tung für ein fach­ge­rech­tes Geburts­ma­nage­ment. Ziel ist es dabei, den erkann­ten Risi­ken mit­tels ent­spre­chen­der Behand­lungs­kon­zep­te ent­ge­gen­zu­wir­ken und die­se damit zu mini­mie­ren. Mit der Fra­ge, wie früh­zei­tig der behan­deln­de Arzt bei einer sich anbah­nen­den Risi­ko­ge­burt über Alter­na­ti­ven zur vagi­na­len Ent­bin­dung auf­zu­klä­ren hat, hat­te sich jüngst das OLG Bam­berg (4 U 115/07) in fol­gen­dem Fall zu befas­sen:

Die 27-jäh­ri­ge Klä­ge­rin begab sich in der 37. Schwan­ger­schafts­wo­che in das beklag­te Kran­ken­haus, um die Fra­ge einer vor­zei­ti­gen Geburts­ein­lei­tung wegen Gesto­se­sym­pto­ma­tik (=Stoff­wech­sel­stö­rung wäh­rend der Schwan­ger­schaft) und kräf­ti­gem Feten klä­ren zu las­sen. Aus­weis­lich des Mut­ter­pas­ses hat­te die Klä­ge­rin bereits 4 Jah­re zuvor ihr ers­tes Kind mit einem Geburts­ge­wicht von knapp 4.200 g sowie erschwer­ter Schul­ter­ent­wick­lung zur Welt gebracht. Auch im Ver­lau­fe der aktu­el­len Schwan­ger­schaft war das Gewicht der Klä­ge­rin erheb­lich gestie­gen (von 63,5 auf 96 kg). Eine Gesto­se­sym­pto­ma­tik wur­de ver­neint, das Fötus­ge­wicht mit 3.500 g bestimmt. 4 Wochen spä­ter wur­de die Klä­ge­rin mit Wehen­tä­tig­keit im beklag­ten Kran­ken­haus auf­ge­nom­men. Der auf­neh­men­de Arzt ver­merk­te in der Akte der Klä­ge­rin „einen gro­ßen Bauch“ sowie „ein gro­ßes Kind“.

Nach­dem sich im Ver­lau­fe der fol­gen­den 9 Stun­den kein Geburts­fort­schritt ein­stell­te, wünsch­te die Klä­ge­rin sodann die Durch­füh­rung einer Sec­tio (=Kai­ser­schnitt). Tat­säch­lich wur­de von dem die Geburts­lei­tung inne­ha­ben­den Arzt gegen eine Sec­tio und für eine Vaku­um­ex­trak­ti­on ent­schie­den. Die­se gestal­te­te sich wegen eines tie­fen Schul­ter­quer­stan­des des Kin­des (Schul­ter­dys­to­kie) als nicht durch­führ­bar, so dass die Klä­ge­rin gut 1 Stun­de nach ihrem aus­drück­li­chen Wunsch einer Schnitt­ent­bin­dung vagi­nal­ope­ra­tiv ent­bun­den wur­de. Das Kind hat­te ein Geburts­ge­wicht von knapp 5.300 g und wies in Fol­ge des Schul­ter­quer­stan­des eine blei­ben­de Läh­mung des Ner­ven­ge­flechts des lin­ken Armes (voll­stän­di­ge Ple­xus­pa­re­se) auf.

Das OLG Bam­berg hat­te sich unter ande­rem mit der Fra­ge zu befas­sen, ob die Klä­ge­rin bereits im Anschluss an ihre Kon­troll­un­ter­su­chung rund 4 Wochen vor der Geburt über die Mög­lich­keit einer Kai­ser­schnitt­ent­bin­dung wegen des erhöh­ten Risi­kos eines Schul­ter­quer­stan­des in Fol­ge des erhöh­ten Gewich­tes des Kin­des auf­zu­klä­ren war. Dies hat das OLG abge­lehnt. Erst im Zusam­men­hang mit der aku­ten Ent­bin­dungs­si­tua­ti­on sei der Arzt ver­pflich­tet, über die Mög­lich­keit einer Kai­ser­schnitt­ent­bin­dung auf­zu­klä­ren. Dies gel­te in der vor­lie­gen­den Fall­kon­stel­la­ti­on umso mehr, als dass 4 Wochen vor der Geburt die Pro­gno­se der wei­te­ren Ent­wick­lung ins­be­son­de­re hin­sicht­lich des Geburts­ge­wich­tes allein schon wegen des zeit­li­chen Abstan­des zum errech­ne­ten Geburts­ter­min mit erheb­li­chen Unsi­cher­hei­ten behaf­tet sei.

Der Auf­fas­sung des OLG ist mit erheb­li­chen Beden­ken zu begeg­nen. Die Auf­klä­rungs­pflicht des Arz­tes ist Aus­fluss des Selbst­be­stim­mungs­rech­tes des Pati­en­ten, wel­ches grund­ge­setz­lich in Art. 1, 2 ver­an­kert ist. Damit der Pati­ent in einen geplan­ten Ein­griff ein­wil­li­gen kann, hat der Arzt ihn recht­zei­tig über Art und Umfang des Ein­grif­fes, des­sen Risi­ken und mög­li­che Fol­gen sowie even­tu­ell bestehen­de Behand­lungs­al­ter­na­ti­ven auf­zu­klä­ren. Nur wenn der Pati­ent im Gro­ßen und Gan­zen abschät­zen kann, was auf ihn zukommt, kann er wirk­sam in den Ein­griff ein­wil­li­gen. Dabei hat in Fall­kon­stel­la­tio­nen wie der vor­lie­gen­den die Auf­klä­rung über Behand­lungs­al­ter­na­ti­ven bereits dann zu erfol­gen, wenn sich deut­li­che Anzei­chen für eine Risi­ko­er­hö­hung durch eine vagi­na­le Ent­bin­dung zei­gen. Sol­che aber waren hier bereits 4 Wochen vor dem Ent­bin­dungs­ter­min vor­han­den. Auch wenn die Ent­wick­lung des Geburts­ge­wich­tes bis zum errech­ne­ten Geburts­ter­min nicht genau vor­her­seh­bar war und damit letzt­lich auch der Ein­tritt der geburts­hilf­li­chen Kom­pli­ka­ti­on des Schul­ter­quer­stan­des nicht sicher abschätz­bar war, über­sieht die vom OLG ver­tre­te­nen Rechts­auf­fas­sung, dass wenn sich im Geburts­vor­gang das Risi­ko der Schul­ter­dys­to­kie ver­wirk­licht, kei­ne Behand­lungs­al­ter­na­ti­ven mehr mög­lich sind, ins­be­son­de­re kei­ne Kai­ser­schnitt­ent­bin­dung mehr durch­ge­führt wer­den kann. Eine Auf­klä­rung erst zu die­sem Zeit­punkt lie­fe dem­nach völ­lig ins Lee­re. Dem­entspre­chend setzt ein fach­ge­rech­tes Geburts­ma­nage­ment auch die früh­zei­ti­ge Auf­klä­rung über sich abzeich­nen­de Risi­ken sowie dar­aus resul­tie­ren­den Behand­lungs­al­ter­na­ti­ven vor­aus.