So der Arzt von ihm erho­be­ne oder bereits vor­lie­gen­de Befun­de falsch inter­pre­tiert und des­halb nicht die aus der berufs­fach­li­chen Sicht sei­nes Fach­be­rei­ches gebo­te­nen the­ra­peu­ti­schen oder dia­gnos­ti­schen Maß­nah­men ergreift, begeht er einen Dia­gno­se­feh­ler und somit einen (ein­fa­chen) Behand­lungs­feh­ler (BGH, Urteil vom 21.12.2010, VI ZR 284/09).

 

Ein Befund­er­he­bungs­feh­ler ist dem­ge­gen­über gege­ben, wenn die Erhe­bung medi­zi­nisch gebo­te­ner Befun­de unter­las­sen wird. Bereits ein ein­fa­cher Befund­er­he­bungs­feh­ler führt – im Gegen­satz zu einem ein­fa­chen Dia­gno­se­feh­ler – zu einer Beweis­last­um­kehr hin­sicht­lich der Kau­sa­li­tät des Behand­lungs­feh­lers für den ein­ge­tre­te­nen Gesund­heits­scha­den. Dies gilt aller­dings nur, wenn sich bei der gebo­te­nen Abklä­rung der Sym­pto­me mit hin­rei­chen­der Wahr­schein­lich­keit ein so deut­li­cher und gra­vie­ren­der Befund erge­ben hät­te, dass sich des­sen Ver­ken­nung als fun­da­men­tal oder die Nicht­re­ak­ti­on hier­auf als grob feh­ler­haft dar­stel­len wür­de und die­ser Feh­ler gene­rell geeig­net ist, den tat­säch­lich ein­ge­tre­te­nen Gesund­heits­scha­den her­bei­zu­füh­ren (BGH, Urteil vom 02.07.2013, VI ZR 554/12). Eine Umkehr der Beweis­last schei­det ledig­lich dann aus, wenn jeg­li­cher haf­tungs­be­grün­den­der Ursa­chen­zu­sam­men­hang äußerst unwahr­schein­lich ist.

 

Auf­grund die­ser Beweis­last­um­kehr im Fal­le eines Befund­er­he­bungs­feh­lers ist des­sen Abgren­zung zum Dia­gno­se­feh­ler für den erfolg­rei­chen Aus­gang eines Pro­zes­ses oft von ent­schei­den­der Bedeu­tung, da es häu­fig vor­kom­men, dass zwar ein Behand­lungs­feh­ler fest­ge­stellt wird, die erfolg­rei­che Durch­set­zung der Ansprü­che des Pati­en­ten jedoch dar­an schei­tert, dass die Kau­sa­li­tät des Behand­lungs­feh­lers für den ein­ge­tre­te­nen Gesund­heits­scha­den nicht bewie­sen wer­den kann.

 

Der Bun­des­ge­richts­hof hat nun­mehr ent­schie­den, dass eine unrich­ti­ge dia­gnos­ti­sche Ein­stu­fung einer Erkran­kung eben­falls einen Befund­er­he­bungs­feh­ler dar­stellt, wenn der Arzt die nach dem medi­zi­ni­schen Stan­dard gebo­te­nen Unter­su­chun­gen erst gar nicht ver­an­lasst hat – er mit­hin auf­grund unzu­rei­chen­der Unter­su­chun­gen vor­schnell zu einer Dia­gno­se gelangt ist, ohne die­se durch die medi­zi­nisch gebo­te­nen Befund­er­he­bun­gen abzu­klä­ren. Begrün­det wird dies damit, dass es bei einer sol­chen Sach­la­ge pri­mär nicht um die Fehl­in­ter­pre­ta­ti­on von Befun­den – also einem klas­si­schen Dia­gno­se­feh­ler –, son­dern um deren Nicht­er­he­bung geht (BGH, Urteil vom 26.01.2016, VI ZR 146/14).

 

Die Umkehr der Beweis­last im Fal­le des Vor­lie­gens eines Befund­er­he­bungs­feh­lers nimmt aller­dings der Behand­ler­sei­te nicht die Mög­lich­keit, den Beweis des Gegen­teils zu füh­ren. D.h., Beweis­an­trä­ge der Behand­ler­sei­te – hier: Ein­ho­lung eines neo­na­to­lo­gi­schen Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­tens – dür­fen vom Gericht nicht über­gan­gen wer­den. Die Behand­ler­sei­te hat somit immer noch die Mög­lich­keit nach­zu­wei­sen, dass der ein­ge­tre­te­ne Gesund­heits­scha­den nicht durch den Befund­er­he­bungs­feh­ler bzw. den gro­ben Behand­lungs­feh­ler kau­sal ver­ur­sacht wor­den ist.

 

http://juris.bundesgerichtshof.de/cgi-bin/rechtsprechung/document.py?Gericht=bgh&Art=en&sid=64722cfbdd7226c73d9201ac43888b1a&nr=74269&pos=0&anz=1